Wirtschaft & Politik: Lettland – Wie sich die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland auswirkt. Ein Fallbeispiel der lettischen Eisenbahn.

Last Updated on 2020-05-01 by Birk Ecke

Lettland hat sich seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1991 bisher nicht wirtschaftlich von Russland emanzipieren können. Wegen der Lage im Nordosten Europas und einer direkten Grenze zu Russland ist Lettland ein wichtiges Transitland für russische Rohstoffe, die nach Mittel- und Westeuropa exportiert werden. Die Häfen in Rīga, Ventspils und Liepāja waren bisher wichtige Umschlagplätze für die Rohstoffe aus Russland. Alle Rohstoffe wurden über die Lettische Eisenbahn – Latvijas dzelzceļš LDz– transportiert und 2018 war das Geschäftsergebnis auch noch ganz passabel. Die Transportkapazitäten konnten sogar gesteigert werden. Allerdings hat sich diese Situation seit ein paar Monaten deutlich geändert.

Russland hat in den letzten Jahren massiv in den Ausbau des Ostseehafens Ust Luga, der nur wenige Kilometer östlich der Grenze zum EU Mitglied Estland liegt, investiert. Dieser Hafen ist mittlerweile zum größten in der östlichen Ostsee avanciert, Helsinki inbegriffen. Ust Luga bietet den Vorteil, Schiffe bis zu einem Tiefgang von 17,5 Meter aufzunehmen. Die Transportwege von und zu den wirtschaftlichen Zentren des nordöstlichen Russland – Moskau und St. Petersburg – sind kürzer und schneller als der Umweg über das lettische Schienennetz.

Die Infrastruktur der Lettischen Eisenbahn entspricht lange schon nicht mehr dem Stand der Technik. Die Gleise sind in einem schlechten Zustand. Eine Elektrifizierung des Streckennetzes ist nur rudimentär vorhanden. Die Technik ist veraltet und kann heutigen Umweltstandards nicht mehr genügen. Die Güterzüge werden in der Regel von zwei dieselelektrischen Lokomotiven gezogen, die noch aus sowjetischer Produktion stammen.

Wegen des schlechten Zustandes des Gleissystems in Lettland können die Züge nur langsam bewegt werden. Die Belastung der Anwohner der Gleise durch Ruß, Lärm und Schwingungen ist enorm. Dazu kommt, dass jeder Zug, der zu den westlich der Daugava gelegenen Hafenanlagen von Rīga, Ventspils oder Liepaja fährt, die 1914 gebaute Eisenbahnbrücke  zwischen Torņakalns und dem Hauptbahnhof von Rīga passieren muss. Das geschieht praktisch im Schritttempo. Die Züge durchqueren immer das Zentrum der lettischen Hauptstadt. Dabei werden nicht nur relativ harmlose Güter, wie Kohle oder Erze transportiert.

Die Lettische Eisenbahn konnte noch im Jahre 2018 ihre Transportkapazitäten deutlich steigern. Der damalige LDz Präsident Edvīns Bērziņš verkündete bei der Abschlusspressekonferenz noch selbstbewusst, dass er für 2019 ähnlich gute Zahlen erwarten würde. Mittlerweile gibt es einen neuen Präsidenten bei LDz und die Geschäftszahlen für 2019 liegen vor. Die lettischen Eisenbahner müssen sich auf harte Zeiten vorbereiten. Die Zahlen sind so schlecht, dass der Abbau von 1500 Mitarbeitern geplant ist. Das sind rund 15 Prozent der derzeitig Beschäftigten, von insgesamt 9.950 , inklusive aller Geschäftsbereiche und Tochterunternehmen.

Den größten Anteil der Bahnfracht in Lettland machte 2018 mit zwei Dritteln der Transit mit Russland aus. Von diesem Anteil waren wiederum fast die Hälfte Kohletransporte. Der Rest verteilte sich auf andere Produkte wie Öl, Gas, Holz und Erze. 2018 erwirtschaftete die LDz noch knapp 210 Millionen € Nettoumsatz und einen Gewinn von 2,8 Millionen €. 2019 gingen die Transporte von Kohle aus Russland  auf 42 Prozent zurück. Das ist ein Minus von etwa 23 Prozent. Der Transport von Erdöl und dessen Produkten sank auf knapp 23 Prozent, was einem Minus von 16 Prozent ausmacht. Insgesamt ging die Auslastung um 14 Prozent zurück. 2019 wurden nur 7,8 Millionen € investiert.

Es gibt zwei wichtige Gründe für die Flaute in der lettischen Bahntranportbrache. Beide wirken sich aber wegen der besonderem Fixierung der Bahn auf die zwei Hauptprodukte Kohle und Öl sowie der Abhängigkeit von Transporten aus Russland besonders drastisch aus:

  • Rückgang der Kohleexporte seitens Russland wegen der Sanktionen, der aus der Annexion der Krimkrise sowie dem Kohleausstieg der mittel- und westeuropäischen Staaten resultiert.
  • Forcierter Aufbau von Transportkapazitäten des russischen Ostseehafens von Ust Luga.
Bild: Der Gütertransport der Lettischen Eisenbahn - Latvijas dzelzceļš LDz - durchlebt zur Zeit eine deutliche Wirtschaftskrise. Illustration. Klicken Sie auf das Bild um es zu vergrößern.

Bild: Der Gütertransport der Lettischen Eisenbahn – Latvijas dzelzceļš LDz – durchlebt zur Zeit eine deutliche Wirtschaftskrise.
Illustration.
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Externe Links:

Lettische Eisenbahn / “Latvijas dzelzceļš” – Geschäftsbericht 2018 (lv)
https://www.ldz.lv/lv/vas-“latvijas-dzelzceļš”-2018-gadā-uzrādījis-labākos-rezultātus-pēdējo-trīs-gadu-laikā
Lettische Eisenbahn / “Latvijas dzelzceļš” – Geschäftsbericht 2019 (lv)
https://www.ldz.lv/lv/par-vas-latvijas-dzelzceļš-saimnieciskās-darbības-rezultātiem-2019-gadā

 

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