Wirtschaft & Politik: Rail Baltica – Wenn Politiker Technikern misstrauen oder wie man Steuergelder verschleudern kann

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Wie bereits in anderen Artikeln über die Rail Baltica auf diesem Blog angemerkt, ist das neue Hochgeschindigkeitsbahnnetz die bedeutendste Infrastrukturmaßnahme der drei baltischen Staaten seit vielen Jahrzehnten. Die Linie soll die Städte Helsinki (Finnland), Tallinn (Estland), Rīga (Lettland), Kaunas (Litauen – mit Abzweigung nach Vilnius) und Warschau (Polen) mit Gleisen in mitteleuropäischer Normalspur verbinden. In allen vier Ländern ist das Eisenbahnnetz bis jetzt in russischer Normalspur ausgebaut.

Als das Projekt Rail Baltica gestartet wurde, haben die Projektpartner nach öffentlicher Ausschreibung das deutsche Consulting Unternehmen ETC Transport Consultants mit einer Studie bezüglich der Rail Baltica beauftragt. Der Umfang und das Ziel der Studie waren vom Auftraggeber, der Rail Baltica, klar formuliert. ETC Transport Consultants ist eine in der Branche erfahrene Firma mit 100 Kunden in Europa und Asien.

Der Inhalt dieser Studie war wie folgt formuliert (https://tinyurl.com/wtrqusz – Kurzlink der Originalwebsite der Rail Baltica):

  • Der Auftragnehmer muss kurz-, mittel- und langfristig das Gesamtbetriebsplankonzept für den Eisenbahnkorridor Rail Baltica erstellen. Das Betriebsplankonzept wird die vorgeschlagene Organisation für das Transportangebot sein, das auf der Rail Baltica-Eisenbahn realisiert wird.
  • Der Plan muss alle physischen, technischen, menschlichen und organisatorischen Faktoren und Ressourcen berücksichtigen, um die effizienteste Produktionsorganisation für die Rail Baltica-Eisenbahn aufzubauen.
    Die Hauptziele des Plans sind reduzierte Betriebskosten für die Lebensdauer der Infrastruktur und optimierte Transportpläne für Endkunden. Dies soll es letztendlich ermöglichen, den maximalen Marktanteil auf die Schiene und insbesondere auf die Rail Baltica zu übertragen, was den Zielen des EU-Finanzierungsinstruments „Connecting Europe Facility“ (CEF) entspricht.

Das Ziel des Auftraggebers Rail Baltica war:

  • Die Ergebnisse der Betriebsplanstudie werden verwendet, um die technischen Lösungen und die Planung der Implementierung von Rail Baltica zu verfeinern und zu verbessern. Es wird auch zur Optimierung von Investitionen während der Bauphase dienen.

Die Empfehlung von ETC Transport Consultants war, ein Joint Venture zu gründen und das Netz gemeinsam zu betreiben. Das schloss auch den gemeinsamen Verkauf von Tickets ein. Die Studie hatte einen Umfang von 500 Seiten. Die Kosten beliefen sich auf etwa 500.000,- €. Dazu kommt die Mehrwertsteuer, die von der öffentlichen Hand nun mal bezahlt werden muss.

Litauen jedenfalls empfand die Studie von ETC Transport Consultants als nicht umfangreich genug. Letztlich ist Litauen damit herausgerückt, dass es keinesfalls die Oberhoheit über seine Infrastruktur hergeben würde. Niemand weiss, ob die Empfehlung von ETC Transport Consultants jemals umgesetzt wird. Hätte Litauen seinen Einwand  im Forum vorher vorgebracht, hätte man sich die Kosten für die Studie auch sparen können.

Nach Litauens Dilemma um den nicht für hohe Geschwindigkeiten geeigneten neu gebauten Rail Baltica Abschnitt zwischen Kaunas und der Grenze zu Polen wurde das spanische Büro Ardanuy Ingenieria mit einer Studie beauftragt. Der Auftrag bestand darin, Optionen aufzuzeigen, wie das Problem gelöst werden kann. Zur Erinnerung: Die technische Spezifikation der Rail Baltica fordert Geschwindigkeiten von 238 km/h als Minimum. Erreicht werden auf der Neubaustrecke aber nur maximal 120 km/h, an Ausweichpunkten nur 80 km/h. Eine Fahrt auf der ca. 200 km langen Strecke zwischen Kaunas in Litauen und Białystok in Polen dauert 5 Stunden.

Ardanuy hat letztendlich die einzigen beiden Varianten zur Lösung des Problems aufgezeigt: Restaurierung der vorhandenen Neubaustrasse oder Neubau einer Umgehungstrasse. Da Litauen dieses Ergebnis nicht hören wollte, argumentierte die Litauische Eisenbahngesellschaft, dass die Studie nicht aufzeigt, was die bessere Alternative von beiden ist. Die Litauische Eisenbahngesellschaft vertritt Litauen sowohl im Vorstand als auch im Aufsichtsrat der Rail Baltica, was für sich genommen schon unglaublich ist. Die Studie von Ardanuy hat 240.000,- € plus Mehrwertsteuer gekostet. Auch dieses Geld hätte man sparen können.

Bild: Auf der Neubaustrecke der Rail Baltica zwischen Kaunas in Litauen und Białystok in Polen wird die geforderte Geschwindigkeit von 238 km/h minimal bei weitem nicht erreicht. Dampflok am Bahnhof von Vilnius. Aufnahme vom Mai 2013. Klicken Sie auf das Bild um es zu vergrößern.

Bild: Auf der Neubaustrecke der Rail Baltica zwischen Kaunas in Litauen und Białystok in Polen wird die geforderte Geschwindigkeit von 238 km/h minimal bei weitem nicht erreicht.
Dampflok am Bahnhof von Vilnius.
Aufnahme vom Mai 2013.
Klicken Sie auf das Bild um es zu vergrößern.

 

Interne Links:

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